SeniorenZentrum Offenbach

Wenn das Leben nur im Jetzt geschieht 4

Einigen Betrachtungen zur Demenz – Teil 4 von 4

Haben Sie das auch schon feststellen können? Wenn Sie eine Meinungsverschiedenheit mit Ihrem an Demenz erkrankten Angehörigen haben, hat man schnell das Gefühl, sich nicht durchsetzen zu können. Alle haben Unrecht, nur der Kranke nicht.

Der Sohn fragt in einem etwas scharfen Ton: „Vater, wo hast Du denn schon wieder den Schlüssel hingelegt. Warum hängst Du ihn nicht an das Schlüsselbrett!“ Der Vater, nennen wir ihn Erwin, reagiert ängstlich und aufgeregt: „Mein Gott, was machen wir jetzt? Den haben die Leute vorhin bestimmt mitgenommen. Ich kenne die nicht, aber die kommen immer wieder. Mein Gott, was mach ich denn jetzt nur?“ Erwin läuft ganz verängstigt in der Wohnung hin und her. Er ist nicht zu beruhigen.

Frau Schreiner sucht ihre Mutter und ist ganz empört über die Information, dass ihre Mutter schon vor vielen Jahren gestorben sei. „Das kann gar nicht sein, ich habe sie heute Morgen doch noch gesehen, sie hat doch am Fenster gestanden und mir gewunken!“ Empört fügt sie hinzu: „Sie sind ein schlechter Mensch, Sie lügen mich an!“

Roswita Krüger beschimpft die junge Praktikantin im Pflegeheim, die gerade das Mittagessengeschirr wegräumt: „Was ist das denn hier für ein Gefängnis, hier bekommt man ja nichts zu essen. Du hast mir mein Essen weggenommen!“ Das junge Mädchen ist empört. Sie gibt sich mit den alten Menschen so viel Mühe und dann wird sie noch beschimpft. Das versteht sie nicht und wird selbst ganz zornig. „Aber Frau Krüger, da steht doch noch Ihr Teller, Sie haben alles gerade aufgegessen!“ „Das ist nicht wahr, seit Tagen habe ich schon nichts mehr bekommen“. Sie tobt, nimmt den Teller und wirft ihn auf den Boden. Dann legt sie ihren Kopf in die Armbeuge und weint.

An solchen Beispielen können Sie feststellen, dass der jeweilige Vorgang mit sehr vielen Gefühlen einhergeht. Die Demenzkranken reagieren aus unserer Sicht völlig unangemessen. In der Fachliteratur liest sich das dann manchmal als „Gefühlsinsuffizienz“. Das ist nicht nur ein schreckliches Wort sondern es zeigt auch die egozentrische Sicht der Angehörigen oder Mitarbeitern in Alteneinrichtungen. Zum Maßstab machen wir unsere Sichtweise (also die der Betreuenden).

Der Sohn empfindet die Reaktion seines Vaters als völlig überzogen. Da waren keine Leute da, die den Schlüssel hätten entwenden können. Also empfindet er die Angst und die Aufgeregtheit seines Vaters als unangemessen. Versetzen wir uns aber einmal in die Situation des Vaters, der sich den Verlust des Schlüssels nicht anders vorstellen kann, als dass er gestohlen worden ist und unterstellen einmal, dass (in seiner Phantasie) fremde Leute da waren, dann ist dies in der Tat eine beängstigende Vorstellung.

Frau Krüger leidet unter dem Symptom, dass sich bei ihr kein Sättigungsgefühl nach dem Essen einstellt. Das kommt bei Alzheimer-Kranken manchmal vor genau so wie das Gegenteil: der Kranke hat kein Hungergefühl und würde bei vollem Kühlschrank verhungern. Rein körperlich kann sie nichts gegessen haben, denn dann wäre sie satt. Dass sie so in Tränen ausbricht, kann mit Ereignissen aus ihrer Vergangenheit zusammenhängen. Vielleicht hat sie Erfahrungen in Gefängnissen oder Lagern während und nach dem Krieg gemacht, in denen die Versorgungslage katastrophal war. Aus einer solchen Perspektive kann ihre Empörung und ihr verzweifeltes Weinen einen Sinn bekommen.

Frau Schreiner ist zu tiefst empört über diese Person, die ihr sachlich erklärt, dass ihre Mutter bereits seit Jahren tot sei. Wenn „diese Person“ gewusst hätte, welch enge Bindung zwischen Frau Schreiner und ihrer Mutter bestanden hat, wäre sie über ihre Empörung nicht verwundert gewesen. Frau Schreiner und ihre Mutter lebten bis zu deren Tod zusammen, nach dem der Vater bzw. Ehemann nicht mehr aus dem Krieg nachhause kam. Die beiden haben sich in ihrem Schmerz gegenseitig getröstet und unterstützt. Den Schmerz haben sie nur überstehen können in der Gewissheit, dass sie für einander da sind. Sie konnten ohne einander nicht sein (manchmal auch miteinander nicht – aber das ist eine andere Geschichte). Aus dieser Perspektive bedeutet der Tod der Mutter die Wiederholung des Schmerzes über den vermissten Vater. Das darf nicht sein. Was ist denn ihr Leben ohne die Mutter? Jeder, der den Tod eines Menschen herbeiredet kann nur ein schlechter Mensch sein.

Wir bekommen in all den Beispielen mit, dass die Demenzkranken in einer inneren Welt leben, die für sie aber zur Realität wird. Da sie Vergangenheit – Gegenwart – und Zukunft nicht mehr genau unterscheiden können, sprechen wir von der „Inneren Realität“. Karl und all die anderen Personen leben immer wieder in ihrer „Inneren Realität“. Wenn es uns gelingt, sie dort aufzusuchen, wird uns klar, dass die Emotion der Kranken einen realen Hintergrund hat. Gefühle sind also der Schlüssel zu einem besseren Verstehen dieser Menschen. Je weiter die Demenz voranschreitet, je weiter die kognitiven Fähigkeiten verloren gehen, desto weniger können wir sie auf der sachlichen Ebene erreichen. Es wird also immer schwieriger, mit ihnen über das, was hier bei uns, in unserer Gegenwart, wahr und richtig ist, zu diskutieren. Solche Gespräche führen in der Regel zu diesen unangenehmen Auseinandersetzungen, in denen es dann darum geht, wer recht hat. Solche Diskussionen sind sehr unproduktiv, allein schon deswegen, weil es um „die Wahrheit“ geht, ohne dass man sich darüber verständigen kann, um welche Wahrheit man sich streitet. Karl hat eine andere als Erna.

Würden die in den Beispielen beteiligten Personen empathisch versuchen, die Gefühle des Kranken wahrzunehmen und darüber ihn anzusprechen, könnten die Dialoge einen anderen Verlauf nehmen:

Erna sagt zu Karl: „Du hast Dir so viel Sorgen um mich gemacht, dass Du sogar die Polizei gerufen hast.“ Sie nimmt ihn in den Arm und tröstet ihn: „Jetzt ist alles wieder gut. Jetzt bin ich wieder da.“

Der Sohn sagt zu dem Vater: „Du machst Dir jetzt Sorgen, dass fremde Leute zu Dir in die Wohnung kommen. Wir werden den Schlüssel finden und die Tür wieder gut verschließen.“

Frau Schreiner würde bestimmt dankbar reagieren, wenn „Diese Person“ ihre gefühlsmäßige Anteilnahme zeigen würde: „Frau Schreiner, Sie vermissen Ihre Mutter sehr. Sie hatten eine sehr enge Bindung zusammen.“ Allein, dass ein anderer Mensch einfühlsam mit ihr über ihre Mutter spricht, entsteht ein Milieu von „Mutter“ um Frau Schreiner, das ihr gut tut.

Eine Praktikantin ist auf ein solches Verhalten von Frau Krüger nicht vorbereitet. Durch Anleitung des Fachpersonals wird sie lernen, dass Frau Krüger einen ständigen Mangel erlebt. Das alte Trauma aus früheren Jahren, die möglicherweise auf entsprechende Erfahrungen im Krieg verweisen, machen deutlich, dass es nichts gibt, was sie sättigen könnte. Hier helfen oft körperliche Berührungen und das Angebot von gemeinschaftlichen Unternehmungen. „Frau Krüger, wollen wir nachher etwas spazieren gehen und miteinander reden?“ Dabei kann Frau Krüger, wenn sie es will, in den Arm genommen werden oder die Schulter leicht massiert werden.

 

Stephan Detig

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